Förderpreisträger 2019

Philipp Röcker

Im französischen Sprachgebrauch bezeichnet das Wort creux – von creuser, graben – im engeren Sinne den Hohlraum.


In der Kunst ist der Terminus vor allem im Kontext der Drucktechniken geläufig, wo die gravure en creux den Tiefdruck bezeichnet, doch auch dem Gestus des Bildhauers, der einer Masse durch sukzessive Aussparungen Form verleiht, gibt er eine bildhafte Entsprechung. Nicht von ungefähr spricht Philipp Röcker davon, dass er »aus der Höhlung der Hand heraus handelt, um der Leere Volumen zu geben«.

In seinen jüngsten Werken kehrt der in Düsseldorf und Bordeaux lebende Künstler diesen Vorgang scheinbar um, indem er die Formqua absentia – sprich en creux – andeutet. Dieswird am deutlichsten ersichtlich bei der dreiteiligen Skulptur Vor, hinter und jenseits des Wissens(2018), deren fast programmatischer Titel auf die einzelnen Etappen des Schöpfungsprozesses verweist, von der Konzeption zur Formgebung, dieder Künstler als abgeschlossen empfindet, wenn»sich das Material zu einer wohlfühlenden Größeverwandelt – zu einem Gegenüber«. Dieses Pendant trägt bei Röcker unabhängig von Materialund Technik – Gips, Ton, Holz, Beton, Bronze, Aluminium – immer auch die Spur des Handelns, dieer dem Gegenstand physisch aufdrückt.Der Keil, der in emporstrebenden Säulenformen wie Levelscape (2016) oder L’Ombre (DerSchatten, 2018) noch in der Rolle des Hilfsmittels auftrat, mit dem die Skulptur in der Senkrechten gehalten wurde, beziehungsweise ihr als gleichwertige massiv-matieristische Abwandlungim Raum gegenüber stand Form of the Present(2018), verweist in seiner jüngsten Iteration implizit auf etwas nicht länger oder noch nicht Vorhandenes.

Dadurch öffnet er den bildhauerischen Raum für die Interpretation des Betrachters, der quasi instinktiv dazu neigt, den so entstandenen Leerstand einer Bestimmung zuzuführen. Das Spiel mit Präsenz und Absenz, mit Leere und Fülle, führt der Künstler auch in anderen Arbeiten fort, am offensichtlichsten in dem kettenähnlichen Werk mit dem vielsagenden Titel Ein neuer Ort (2019), sowie in Ohne Titel (2019), dessen halb-kreisförmiger Ausschnitt einer weiteren Verwendung zu harren scheint. Auch diese vermeintliche Unabgeschlossenheit lässt sich durch den eingangs erwähnten Begriff bezeichnen. Macht der Betrachter eine lecture en creux eines Werks, dann versucht er,das nicht explizit Ausgedrückte oder Vorhandene, durch sein augenscheinliches Fehlen aber auf sich aufmerksam Machende aus dem Werk abzuleiten– hier sozusagen das skulpturale Äquivalent des Zwischen-den-Zeilen-Lesens. Eine solche Lektüre würde vermutlich die doppeldeutige Symbolik von Keil und Kette an den Tag legen, die wiederum als Ausdruck der künstlerischen Gemütslage in der Folge eines folgenreichen Orts- und Kulturkreiswechsels gedeutet werden könnte.

Obletzteres aber tatsächlich zutrifft, liegt, wie es der Künstler ja bereits angedeutet hat, letztlich »jenseits« unseres Wissens.

Patrick (Boris) Kremer

 

Preisträger 2019
Presse Download (PDF)

Pressemappe 2019 - (PDF/0,19MB)
Förderpreisträger 2019 - (PDF/0,22MB)

Diese Webseite verwendet Cookies. Durch die Nutzung der Webseite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu.